| Veranstaltung: | Kreismitgliederversammlung September 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 3. Klimaschutz & Stadtnatur |
| Antragsteller*in: | Vorstand (dort beschlossen am: 13.09.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 13.09.2026, 22:57 |
A2: Schönheit, die schützt. Klimaschutz und Stadtnatur für ein gesundes Leben in Potsdam
Antragstext
- Schönheit, die schützt: Dieser Hitzesommer hat 16.300 Menschenleben in
Deutschland gekostet und uns die Auswirkungen der Klimakrise direkt vor
unserer Haustür spüren lassen. In Potsdam hat er uns gezeigt: trotz
unserer wunderschönen Stadtnatur mit viel Grün und Wasser, sind viele
Potsdamerinnen und Potsdamer in den Kitas, Schulen und Krankenhäusern, in
den Hitzeinseln in der Stadt vor extremer Hitze nicht ausreichend
geschützt. Wir sagen deshalb: Potsdam braucht einen Plan, der so groß
denkt wie Lennés Verschönerungsplan von 1833 – einen Plan, der das Schöne
wieder mit dem Nützlichen verbindet: Es braucht ausreichend Stadtnatur die
kühlt und schützt, in jeder Straße, in jedem Quartier, für alle
Potsdamerinnen und Potsdamer. Wir wollen Lennés Idee deshalb ins heute neu
übersetzen und in Form eines konkreten Plans für mehr Klimaanpassung und
Hitzeschutz in die Zukunft tragen. Zugleich machen wir hartnäckig Druck
für die nächsten konkreten Umsetzungsschritte bei der Wärme- und
Energiewende. Denn Anpassung ohne Klimaschutz wäre ein Wettlauf, den wir
verlieren: Jedes Zehntelgrad, das wir vermeiden, entscheidet darüber, wie
viel Anpassung überhaupt noch möglich ist.
- Potsdam passt aufeinander auf. Das Hitzetelefon kommt spätestens zum
Sommer 2027 zurück und wird mit freiwilligen Hitzepatenschaften zum
Schutznetz ausgebaut – nach dem Vorbild des Kasseler „Sonnenschirms“. Jede
amtliche Hitzewarnung löst in städtischen Einrichtungen verbindliche
Schutzmaßnahmen gemäß dem kommunalen Hitzeaktionsplan aus.
- Von jeder Haustür in zehn Minuten ins Kühle. Potsdam baut ein
verlässliches Netz kühler Orte mit Sitzplatz und Trinkwasser auf, wie es
Barcelona mit über 500 Klimaschutzorten vormacht. Bis spätestens Sommer
2029 erhalten mindestens zehn besonders heiße Alltagsorte Schatten,
ausgewählt nach Stadtklimakarte sowie Alters- und Sozialdaten.
- Kitas und Schulen werden hitzefest. Für Neubau und Sanierung kommunaler
Bildungsgebäude gilt ein verbindlicher Hitzeschutzstandard. Bis 2035 wird
jeder kommunale Schulstandort „Klimaoase“, mit ausreichend Verschattung,
kühlen Orten und Zugang zu Trinkwasser. Wo Platz ist, wächst ein kleiner
Schulwald, und geeignete Höfe öffnen wie bei den Pariser „Oasen-
Schulhöfen“ am Wochenende für das Quartier. Der Ersatzneubau des Klinikums
Ernst von Bergmann wird zum Vorbild für hitzeresilientes Bauen.
- Ein Schattenband führt durch das Herz der Stadt. Insbesondere vom
Brandenburger Tor bis St. Peter und Paul und vom Bahnhof bis zum Alten
Markt entstehen durchgehend beschattete Wege – mit Bäumen, wo sie wachsen
können, und mit Segeln, Pergolen, Fassadengrün oder innovativen
Begrünungslösungen (z.B. „ecotrii), wo Leitungen oder Denkmalschutz es
verhindern. So wie Sevilla, Córdoba und Granada seit Jahrzehnten ihre
Innenstädte verschatten. Umgebaut wird wie in Wien vor allem dann, wenn
öffentliche Infrastruktur ohnehin saniert, aufgerissen oder gebaut wird.
- Jeden Tag wächst ein zusätzlicher Stadtbaum. Potsdam pflanzt dauerhaft
mindestens 365 zusätzliche Bäume pro Jahr – zusätzlich zum vollständigen
Ersatz gefällter Bäume, mit gesicherter Bewässerung und Ausbau von
„Potsdam gießt“. Geeignete Haltestellen erhalten schrittweise begrünte
Dächer wie in Utrecht, städtische Flächen werden naturnah gepflegt
(Blühwiesen, essbare Stadt nach Andernacher Vorbild). Bei geeigneten
kommunalen Parkplätzen wird eine ambitionierte Baumquote je Stellplatz
eingeführt, und wo Bäume nicht wachsen können, sorgt eine Solarüberdachung
für Schatten und Energie. Bei Sanierung gilt wasserdurchlässiger Belag als
Standard – kein Parkplatz ohne Grün und ohne Versickerung.
- Netto-Null-Neuversiegelung spätestens 2035. Neuversiegelung und
Entsiegelung werden gesamtstädtisch bilanziert und ab 2027 jährlich
öffentlich ausgewiesen, wie es Leipzig mit seinem Netto-Null-Beschluss
vormacht. Netto-Null gilt dabei nicht nur rechnerisch: Ökologisch
wertvolle, gewachsene Böden – Kaltluftentstehungsgebiete, Flächen mit
hoher Grundwasserneubildung, Moore, Feuchtgebiete und Biotopverbund –
werden gar nicht erst versiegelt und dürfen nicht durch die Entsiegelung
beliebiger Kleinstflächen andernorts kompensiert werden. Jährlich legt die
Stadt ein Entsiegelungsprogramm mit priorisierten Flächen und einem
messbaren Flächenziel vor. Wir nehmen als Kreisverband bei der Aktion
Abpflastern! teil und setzen uns dafür ein, dass die Aktion auch jährlich
stadtseitig unterstützt und beworben wird.
- Wasser in der Landschaft halten und wirtschaftliche Nutzung ermöglichen,
Natur Raum geben und sie gleichzeitig erlebbar machen. Kein städtisches
Vorhaben ohne Regenwassernachweis: Eine Niederschlagswassersatzung nach
Berliner Vorbild soll das sicherstellen. Vier heiße Quartiere im Potsdamer
Süden bekommen Wasserplätze – Schlaatz, Stern, Drewitz und Waldstadt,
aufbauend auf den Erfahrungen des entstehenden Cooling Points am
Steubenplatz und nach dem Modell des Rotterdamer Benthemplein: im Alltag
Spiel und Sport, beim Wolkenbruch Wasserspeicher. Für ein Aktionsprogramm
Schwammlandschaft werden Fördergelder eingeworben und bis 2032 mindestens
fünf Modellprojekte zum Wasserrückhalt gestartet– z.B. Wiedervernässung
von Mooren, steuerbarer Rückhalt in Gräben, renaturierte Fließ- und
Kleingewässer zusätzlich zur Nuthe, gezielte Versickerung. Der Groß
Glienicker See wird gerettet – und zeigt modellhaft, wie in wasserreichen
Winterphasen entnommenes, hochwertig aufbereitetes Havelwasser zur Hebung
des Grundwasserspiegels direkt eingeleitet oder im Einzugsgebiet
versickert und gespeichert werden kann. Die Wiedervernässung von
ehemaligen Moorflächen wird gemeinsam mit Landesamt für Umwelt und
Flächeneigentümer*innen und -nutzenden noch einmal angegangen. Ziel muss
es dabei sein, Wasserrückhalt zu schaffen und gleichzeitig wirtschaftliche
Nutzung der Flächen zu ermöglichen. Die begradigte Nuthe wird wieder
renaturiert und dabei für die Menschen insbesondere im angrenzenden
Stadtteil Am Schlaatz als Naturraum erlebbar gemacht. Die Renaturierung
und Reaktivierung des Aradosees als Badegewässer wird in diesem
Zusammenhang weiterverfolgt.
- Öffentliche Zugänge am Wasser schaffen. Da wo - außerhalb von
Schutzgebieten - Ufer bereits im öffentlichen Eigentum sind bzw.
Planungsrecht für Uferwege besteht, wollen wir diese Zugänge realisieren
bzw. die Zugänglichmachung voranbringen (z.B. am Griebnitzsee, Groß
Glienicker See). Dort wo das noch nicht der Fall ist, wollen wir die
Zugänglichmachung vorantreiben (z.B. u.a. am Griebnitzsee und am
Krampnitzsee).
- Grüner Daumen trifft kurzen Dienstweg. Baumscheibe bepflanzen, Hof
entsiegeln, Regenwasser sammeln: Das lässt sich künftig online in wenigen
Minuten beantragen, wie es nebenan in Charlottenburg-Wilmersdorf längst
funktioniert. In den Stadtteilbudgets des Bürgerhaushalts können künftig
Kiezbudgets für kleinteilige Begrünungsprojekte (z.B. Baumscheiben) durch
die örtliche Bürgerschaft aktiviert werden.
- Die Wärmewende kommt vom Plan in die Umsetzung. Die 15 Maßnahmen des im
Juni 2026 beschlossenen Wärmeplans werden priorisiert, mit Kosten
hinterlegt und Schritt für Schritt beschlossen; die Steuerungsgruppe wird
arbeitsfähig gemacht und der Fortschritt jährlich öffentlich berichtet. Am
Ziel der EWP, die Wärmeversorgung bis 2035 fossilfrei zu machen, halten
wir fest. Wer zur Miete wohnt, soll durch die Heizkostenersparnis am Ende
nicht mehr zahlen.
- Energie aus Sonne und Wind zum Mitmachen. Geeignete städtische Dächer und
Fassaden werden konsequent für Solarenergie genutzt und der Ausbau
jährlich transparent gemacht. Im kommunalen Wohnungsbestand soll der Strom
vom Dach über Mieterstrom oder gemeinschaftliche Gebäudeversorgung auch
den Menschen im Haus zugutekommen. Die begonnenen Planungen für Wind- und
Freiflächenenergie bringen wir naturverträglich voran – mit
Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger und festen Einnahmen
für die betroffenen Ortsteile. Eine Potsdamer Energieagentur wird
geschaffen. Wer eine Heizung tauschen, ein Dach dämmen oder Solarstrom
nutzen will, soll eine erste Anlaufstelle haben.
- Land und Bund in die Pflicht nehmen. Potsdam hat als Stadt gewichtige
Hebel, um Klimaschutz und Klimaanpassung auf lokaler Eben voranzubringen.
Aber ohne Bund und Land ist die Aufgabe nicht zu schaffen. Klimaanpassung
und Naturschutz gehören als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz. Vom Bund
fordern wir bundesweite Mindeststandards für den Hitzeschutz, ein
einheitliches Monitoring und Investitionsmittel für hitzefeste Kitas und
Schulen. das Bundes-Klimaanpassungsgesetz endlich landesrechtlich
auszufüllen und kommunale Hitzeaktionspläne verbindlich zu machen – dann
aber auch zu finanzieren. Dazu fordern wir ein dauerhaftes Landesprogramm
Hitzeschutz für Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen,
verbindliche Hitzeschutzstandards für öffentliche Neu- und Umbauten, die
dauerhafte Mitfinanzierung von Personal für Klimafolgenanpassung und eine
Landes-Entsiegelungsprämie nach baden-württembergischem Vorbild. Beim
Wasser braucht es ein Brandenburgisches Wassergesetz mit Vorrang für den
Wasserrückhalt, nachhaltiger Bewirtschaftung statt Profitgier. Es braucht
eine klare Ermächtigung für kommunale Regenwassersatzungen, klare Regeln
für Wasserentnahmen samt Überprüfung bestehender Genehmigungen und einer
fairen Beteiligung von Großverbrauchern – wer viel entnimmt, muss auch
angemessen beitragen – sowie ein gemeinsames Grundwasser- und
Seenmanagement von Berlin und Brandenburg: Unsere Seen enden nicht an der
Landesgrenze, die Politik darf es auch nicht.
- Ehrlich bleiben: Wir versprechen keine Stadt, in der Hitze niemandem mehr
etwas anhaben kann. Die Sommer werden härter, auch mit jeder umgesetzten
Maßnahme aus diesem Antrag. Ein Baum, den wir 2027 pflanzen, wirft erst
nach vielen Jahren Schatten. Unsere Grundwasserstände kehren auch mit
wirksamen Maßnahmen, die das Austrocknen oder Kippen unserer Seen oder
Fließgewässer verhindern, nicht auf den Stand der neunziger Jahre zurück.
Und die meisten von uns in den Blick genommenen Lösungen kosten Geld, das
im Haushalt bisher nicht steht und zunächst priorisiert werden muss. Klar
ist: Ein großer Teil der Maßnahmen wird ohne Bundes- und Landesförderung
aus der Stadtkasse nicht zu finanzieren sein. Es gibt Zielkonflikte und
Verteilungsfragen, die wir nicht wegreden: Wie schaffen wir Schatten, ohne
Denkmäler zu beschädigen? Wie bauen wir Wohnungen, ohne immer mehr Boden
zu versiegeln? Und wie finanzieren wir die Wärmewende, ohne Menschen mit
kleinen und mittleren Einkommen zu überfordern? Nicht alles lässt sich
gleichzeitig umsetzen und nicht vollständig in Einklang bringen. Aber wir
können Konflikte transparent abwägen, Belastungen fair verteilen und
Lösungen wählen, die möglichst viel zusammenbringen. Unser Maßstab ist, ob
Maßnahmen unsere Lebensgrundlagen vor Ort schützen, sozial gerecht sind
und lokale Wertschöpfung stärken. Wir sorgen dafür, dass Klima Thema
bleibt, auch wenn die Hitzewelle und die Aufmerksamkeit weitergezogen ist.
Wir arbeiten hartnäckig daran, die weitere Erwärmung so zu begrenzen, dass
wir die bereits heute unvermeidbaren Folgen mit Klimaanpassung soweit
abmildern können, dass wir mit ihnen dennoch leben können. Potsdam soll
trotz spürbarer und auch schmerzhafter Veränderungen eine Stadt bleiben,
in der wir und unsere Kinder und Enkel eine lebenswerte Zukunft haben
können.
Begründung
Potsdams besondere Stärke ist die Verbindung von Stadt und Natur. Diese wertvolle Ressource wollen wir in die Zukunft tragen: für das gute Leben in einer gesunden Stadtnatur für alle – vom Groß Glienicker See bis zum Baggersee am Stern.
Wir wollen ein Potsdam, das auch im Klimawandel und den damit verbundenen Einschnitten immer noch lebenswert ist – das mit grünen, blühenden, summenden und brütenden Orten sowie einer lebendigen, kühlen und attraktiven Innenstadt, die bereits jetzt schon spürbaren Folgen für alle erträglicher macht. Und wir wollen ein Potsdam, das seinen Teil beiträgt, dass die Klimakrise nicht weiter eskaliert – denn nur dann sind wir überhaupt nur in der Lage uns an den Klimawandel anzupassen.
Potsdam beginnt nicht bei null: Stadtklimakarte und Karte kühler Orte liegen vor, am Steubenplatz entsteht ein Cooling Point, ab Herbst 2026 sollen mehr als 280 Bäume an 26 Bildungsstandorten gepflanzt werden, in Golm ist ein Tiny Forest mit 450 Bäumen geplant. Auch für den Klimaschutz gibt es einen klaren Rahmen: den 2017 beschlossenen Masterplan 100 % Klimaschutz, den im Juni 2026 beschlossenen Wärmeplan und den Auftrag an die EWP, Strom und Wärme bis 2035 sozialverträglich fossilfrei zu gestalten. Rund 45 Prozent des Potsdamer Wärmebedarfs werden schon über Nah- und Fernwärme gedeckt. Mit dem Auftrag „Havelwasser in der Landschaft halten“ ist zudem ein wichtiges Vorhaben zum Ausbau von Potsdam als Schwammstadtangestoßen. Es fehlt also nicht an guten Ansätzen. Es fehlt an konsequenter Umsetzung: Das Hitzetelefon wurde 2025 aus Geldmangel eingestellt, andere Vorhaben sind noch nicht mit klarer Reihenfolge, Finanzierung und Zuständigkeit untersetzt. Genau hier setzt dieser Antrag an: Er verbindet bestehende Ansätze mit klaren Zielen und einem Umsetzungsplan, der Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft einbindet.
Dieser Antrag greift deshalb bislang verstreute Pilotmaßnahmen und Potsdamer Ansätze auf und verbindet sie mit Zielmarken und erprobten Maßnahmen von Vorbildkommunen in Deutschland, Europa und der ganzen Welt: Zehn-Minuten-Ziel für die Erreichbarkeit eines kühlen Ortes, Netto-Null Versiegelung bis 2035 und aktive Entsiegelung, Verschattung in der Innenstadt, 365 neue Bäume pro Jahr, Modellprojekte zum Wasserrückhalt und feste Hitzeschutzketten. Wir fordern bewusst diese großen Zielmarken. Weil wir sagen: Unsere wunderschöne Potsdamer Stadtnatur müssen wir so aufstellen, dass sie kühlt, Wasser hält und unsere Gesundheit bei den zunehmenden extremen Hitzetagen schützt. Uns allen zugutekommt.
Klimaschutz und Klimaanpassung müssen eine klare Priorität in der Potsdamer Stadtpolitik bekommen. Denn Klimaschutz ist Gesundheitsschutz und Klimaschutz ist günstiger als kein Klimaschutz. Und dennoch ist er mit erheblichen Kosten verbunden. Er muss deshalb sozial gerecht sein und von allen getragen werden können.
Kommentare